Der Mut kommt beim Machen

Interview mit Wiebke Lühmann

 Wiebke Lühmann | © Fotocredit : Julien Soleil -  Wiebke Lühmann
© Fotocredit : Julien Soleil - Wiebke Lühmann

Dein Vortrag über die Reise von Freiburg nach Kapstadt war bereits 2025 innerhalb kurzer Zeit ausverkauft, so dass es zwei Zusatztermine gab. Wie erklärst du dir das und wie hat sich das angefühlt?

Ich glaube, es ist schon etwas Besonderes, weil es nicht so viele Frauen gibt, die auf dieser Mundologia-Bühne stehen. Und dann ist es natürlich ein spannendes Thema, weil ich von Freiburg losgefahren bin. Und es war eine Reise, die noch nicht viele Menschen vor mir in der Form gemacht haben und ich habe mich getraut. Es kam da viel Cooles zusammen und ich bin sehr froh, dass das so nachgefragt war. Gerechnet habe ich damit allerdings nicht. Hattest du schon vorher geplant, einen Multivisionsvortrag für Mundologia über die Reise zu machen oder ist die Idee erst im Nachhinein entstanden? Das ist erst im Nachhinein entstanden. Ich hatte den großen Wunsch, ein Buch zu schreiben und auch den Film zu machen, den wir ja realisiert haben. Aber auch da waren natürlich riesengroße Fragezeichen, ob mit der Reise alles klappt, also ob ich in Kapstadt ankommen werde. So ein Film ist einfach ein großes Projekt, da kann man vorher gar nicht alles sicher wissen.

Was waren die schönsten Rückmeldungen an dich nach deinen Vorträgen? 

Durch die Vorträge, aber auch durch die Filmvorstellungen sind natürlich ganz viele Leute da, die mir Feedback geben, auch zu den anderen Projekten, die ich schon hatte. Im Moment ganz konkret der Afrikafilm, aber davor gab es ja schon den Norwegenfilm. Es kommen Leute, um mir zu sagen, dass sie dadurch selbst ans Nordkap aufgebrochen sind. Es ist schön für mich zu beobachten, dass ich die Menschen begeistern kann. Sie fahren wirklich los. Vor allem, wenn Frauen sich durch mich ermutigt fühlen. Ich finde es schön, für Frauen ein Vorbild zu sein und wenn sie mir erzählen, dass sie eigentlich keine Angst haben, fühle ich mich verbunden, denn ich kenne Angst auch nicht. Ich habe mich damit immer so in der Minderheit gefühlt und jetzt kommen Frauen und erzählen, dass sie auch keine Angst haben und sich normaler fühlen. Das finde ich bestärkend. Ich will der Angst keine Plattform geben, sondern eben dem Mut und der Neugier. Mir geht es darum, sich nicht auf die Nachteile, sondern auf seine Stärken zu fokussieren. Und das ist natürlich gerade bei Frauen schön, wenn sie sich gestärkt fühlen. Wir sind nicht das schwache Geschlecht, sondern wir sind auch stark.

Ist das auch deine Vision oder dein Idealismus gewesen, der dich dazu motiviert hat, diese Reisen zu machen?

Ja, weil ich selbst früher wenig Vorbilder hatte. Es gab einfach nicht so viele Abenteuergeschichten von Frauen in der Öffentlichkeit. Das motiviert mich jetzt auch, als Frau Vorträge zu machen, ein Buch zu schreiben, Filme zu zeigen. Ich will den Frauen zeigen, was geht. Welches Erlebnis auf deinen Reisen hat dich sehr stark berührt? Vor allem die Begegnung mit den Menschen. Da gab es zum Beispiel eine Situation mit Zayna, einer Erdbebenüberlebenden im Atlas-Gebirge. Zayna hat mich aufgenommen, weil ich keine Unterkunft gefunden habe, denn wegen des Erdbebens waren auch die Hotels zerstört. Die Gastfreundschaft und Herzlichkeit dieser Frau und auch die unglaubliche Offenheit und Liebe zu spüren, hat mich sehr berührt. Wir sind sehr schnell in eine Art Tochter-Enkelin-Rolle gerutscht und hatten diese besondere Verbundenheit zwischen Frauen.  Aber allgemein haben mich die Begegnungen mit den Menschen auf meinen Reisen sehr getragen. Manche waren länger, manchmal waren sie auch tief oder auch mal kürzer.

Wie gehst du damit um, wenn du dich während der Reise einsam oder allein fühlst?

Ich habe mich ab und zu allein oder auch einsam gefühlt. Mit meinem einen Mitreisenden habe ich mich mal einsam gefühlt, weil er emotional ziemlich verschlossen war. Oder auch in Großstädten fühle ich mich manchmal einsam, wenn alle so anonym unterwegs sind und man sich irgendwie so gar nicht verbunden fühlt. Aber allein bin ich eigentlich ganz gerne auch. Ich bin schon oft in Kontakt und habe oft auch diese kurzen Begegnungen, die mich dann tragen. Dadurch, dass ich eine Zwillingsschwester und zu Hause eine starke Beziehung zu meinen Eltern und Geschwistern habe, fühl ich mich da immer sehr begleitet und unterstützt.

Was sagst du dir selbst, wenn du körperlich oder mental an eine Grenze kommst? 

Es ist okay, seine Grenzen kennenzulernen und zu respektieren. Und manchmal braucht man einfach eine Pause und muss sich ausruhen. Es ist nicht gut, ständig seine Grenzen zu überschreiten. Ich hatte im Kongo einen großen Tiefpunkt. Da habe ich dann gesagt, ich breche die Reise ab. Ich musste mir das einfach mal eingestehen, schwach zu sein. Dadurch, dass ich mir das erlaubt habe, konnte ich mich dann auch so erholen, dass ich weiterfahren konnte.

Was hast du unterwegs am meisten vermisst?

Wenn man so lange unterwegs ist, bekommt man schon irgendwann Heimweh. Man ist jeden Tag an einem neuen Ort und hat nicht die Möglichkeit, mit Menschen wirklich in die Tiefe zu gehen. Ich war teilweise zeitlich auch getrieben durch die Visa, die abgelaufen sind, und ich habe es vermisst, auf der Beziehungsebene etwas Nachhaltiges zu erschaffen. Es klingt ein bisschen banal, aber nach der Reise wieder an einem Ort zu sein, meine Beziehungen zu pflegen und mit den mir vertrauten Menschen wieder in die Tiefe gehen zu können und das Buch zu schreiben, das tat gut.

Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und bewusster Ressourcenverbrauch auf deinen Reisen?

Das Radfahren ist natürlich erstmal an sich ressourcenschonend. Auf der Reise durch Afrika war für mich sehr spürbar, wie es der Umwelt geht. Afrika ist einer der Kontinente mit dem wenigsten CO2-Ausstoß, aber mit sehr großen Umweltzerstörungen. Wenn man durchs Kongobecken fährt und da mit eigenen Augen die Abholzung, die Waldrodungen und Waldbrände sieht, das macht einen natürlich sehr nachdenklich über globale Strukturen und postkolonialistische Ausbeutung. Fahrradfahren ist für mich ein Weg, unmittelbar mit der Umwelt verbunden zu sein. Wir ziehen unseren Lebenssinn ja auch aus der Natur, die uns umgibt. Das ist so ein scheinbar unsichtbarer Wert, aber ein so elementar wichtiger und überlebensnotwendiger.

Welche Entwicklung beobachtest du bei deinen Reisen, sowohl technisch, gesellschaftlich, aber auch kulturell?

Technisch ist natürlich einfach das Smartphone weltweit eine riesige Veränderung, teilweise auch positiv, weil man dadurch mit den Leuten in Kontakt bleiben und die Verbindungen auch digital weiterführen kann. Gleichzeitig trennt es uns aber auch. Vor allem in Europa sind wir oft eher disconnected mit unseren Mitmenschen und flüchten uns in die digitalen Safe Bases, wo wir in unserer Blase leben. Auf Afrika bezogen, ist es ziemlich komplex. Ich bin keine Afrikaexpertin und habe alles nur an der Oberfläche miterlebt, aber dieser krasse Kontrast zwischen Stadt und Land ist extrem spürbar. Und was auch sehr gut zu beobachten war, da, wo die Infrastruktur sehr schwach ist, sind es immer die Menschen, die die Communities zusammenhalten und die Lebenskünstler*innen sind. Sie kommen mit einfachsten und wenig Mitteln und fast ohne Support vom Staat über die Runden. Das ist eine Perspektive aufs Leben, die man vor allem in Europa so selten hat. Wir sind immer sehr schnell dabei, zu meckern und das passiert auf so einem hohen Niveau in Relation gesetzt zu Afrika.

Wie wichtig sind dir Social Media und das Teilen deiner Reisen? 

Social Media ist für mich die Möglichkeit, ein digitales Poesiealbum und einen Gedächtnisspeicher anzulegen, wo ich Erlebtes durch Fotos, Filme und Texte festhalten kann. Ich teile es auch aus der Motivation heraus, andere zu inspirieren und anderen die Angst zu nehmen, selbst mal aus der Komfortzone rauszugehen. Aber natürlich gehört es mittlerweile auch zu meinem Job.

Dein Gepäck rückblickend betrachtet: Was war unverzichtbar und was war völlig überflüssig?

Eine bequeme Isomatte ist unverzichtbar und ein gutes selbststehendes Zelt, das man auch in Innenräumen aufbauen kann, um sich vor Mücken und Malaria zu schützen. Ein kleiner Gaskocher und gute Musik, weil man lange Zeit auf dem Rad verbringt. Was unnötig war, war mein Laptop, den habe ich irgendwann nach Hause geschickt. Das war viel zu viel Gewicht und Elektronik.

Welche Sinnhaftigkeit hat für dich dein Lebensstil?

Dass man den Sinn in seinen Aktivitäten und in seinem Leben sieht oder selbst bestimmt, ist wichtig für alles, was man tut und um das durchzuhalten, was man macht. Nur so kommt auch Freude auf. Die Frage nach dem Warum ist mir auf den Reisen immer sehr wichtig. Die beantworte ich mir immer wieder. Warum bin ich hier? Das habe ich mich vor allem an meinem großen Tiefpunkt im Kongo gefragt.

Und was war die Antwort darauf?

Ich habe auf dieser Tour gelernt, dass Fahrradfahren für mich Autonomie bedeutet. Ich bin losgefahren mit dem Gedanken, dass ich unabhängig sein will, dass ich selbst entscheide, wo es langgeht, wie schnell ich fahre, wo ich Pausen mache, wo ich anhalte. Autonomie bedeutet auch, alles selbst zu regeln und zu managen, meine Probleme, meine Bedürfnisse und meine Selbstfürsorge. Das war mein größter Wunsch, diese völlige Unabhängigkeit zu erleben. Ich war damals gerade frisch getrennt, als es losging. Dann habe ich herausgefunden, dass es um viel mehr geht als um diese Unabhängigkeit. Es ging für mich auch darum, vulnerabel sein zu dürfen und mir einzugestehen, dass wir eben sehr wohl andere Menschen brauchen und dass wir Verbindungen brauchen und dass wir nur stark sind, wenn wir diese Verbindungen eingehen können und eben auch mal schwach sein dürfen. Und wir müssen nicht alles allein schaffen. Das macht auch keinen Spaß. Es geht um diese zwischenmenschlichen Begegnungen und darum, dass unsere Gemeinsamkeiten viel größer sind als unsere Unterschiede.

Wo siehst du dich in fünf Jahren?

Auf dem Fahrrad. Welche Basic-Tipps gibst du Menschen, die mit Radreisen anfangen möchten, wovon rätst du ganz klar ab. Einfach losfahren. Sich nicht zu doll den Kopf zerbrechen, nicht zu viel planen. Mut kommt beim Machen. Bequeme Kleidung, bequemer Sattel, bequeme Schuhe. Ganz wichtig sind genug Snacks und genug zum Trinken. Offen dafür zu sein, Fehler zu machen, das gehört dazu. Von anderen lernen, sich anderen anschließen und trotzdem sein eigenes Ding finden. Man kann eh keinen kopieren, man muss seinen eigenen Weg gehen. Spaß haben.

Helia Schneider

Von Freiburg nach Kapstadt

Vortrag von Wiebke Lühmann auf der Mundologia 
Am 03.12.2026 um 19:30 Uhr im Bürgerhaus am Seepark