Spaltenbergung vegan
Erkenntnisse, Einsichten und Überraschungen beim Sektionskurs
Schnee liegt nicht vor der Freiburger DAV-Kletterhalle, als zehn Lernwillige an einem Samstag im Januar die Halle ansteuern, alle mit Skiausrüstung. Spaltenbergung heißt das Thema des zweitägigen
Kurses, den Elmar Hollenweger und Jan Weber anbieten. Dass man sich in der Kletterhalle trifft und nicht im vergletscherten Hochgebirge – und dann auch noch mit Ski? Merkwürdig. Aber die Teilnehmenden vertrauen auf die Kursleiter.
Sie werden nicht enttäuscht. In der kleinen Halle installiert Elmar in kurzer Zeit Fixseile am Hallendach, dann geht es auch schon los, Reepschnüre und Bandschlingen werden in die Seile geknüpft.
Selbstrettung aus einer Gletscherspalte steht auf dem Programm. Dass diese imaginäre Spalte in die trockene und geheizte Halle verlegt wurde, hat ohne Zweifel Vorzüge. Man bekommt keine kalten Finger,
die Kleider werden nicht nass, der Schweiß allerdings fließt ziemlich schnell.
Angstschweiß kann es eigentlich nicht sein, denn alle sind zusätzlich gesichert. Aber ordentlich arbeiten muss man schon, um aus eigener Kraft am Seil hochzusteigen. Da zeigt sich, wie wichtig es ist, dass
Reepschnüre und Bandschlingen die richtige Länge für die jeweilige Körpergroße haben. Wo die einen nur wenige Zentimeter vorankommen, arbeiten sich andere scheinbar mühelos Armlänge um Armlänge
nach oben.
Mit Ski wird die Sache dann richtig kompliziert. Seltsam sieht es aus, mit Ski und Stöcken 30 Zentimeter über dem Hallenboden im Seil zu hängen. Was waren noch mal die richtigen Handgriffe? Erst
die Stöcke mit dem Karabiner an den Sitzgurt hängen, dann die Ski ausziehen und ebenfalls mit Reepschnur und Karabiner am Sitzgurt befestigen. Am besten, man befestigt auch den Rucksack mit einer
Schlinge am Gurt, so kann man zumindest freier hantieren.
Bis man sich aufwärts in Bewegung setzen kann, vergeht so einige Zeit. Das Gewicht, das man mitzieht, ist beträchtlich. So schnaufen die Kursteilnehmenden nacheinander an den Seilen nach oben, passen Reepschnüre in der Länge an, geben sich Tipps, wie man sich möglichst kraftsparend emporarbeitet. Doch plötzlich steht eine junge Frau zwischen den Trocken-Skitourengehern und lädt sie ein: „Ich habe oben gekocht, und es ist noch einiges da, ihr seid willkommen.“
Dank Frieda – so heißt die Köchin – lernen die Kursteilnehmer, alle nicht mehr ganz so jung, eine ihnen unbekannte Welt kennen: die Welt der Jugend in der Sektion Freiburg. Die hat im Sektionszentrum
einen großen Raum mit einer komplett eingerichteten Küche. Hier treffen sich die Jugendgruppen, hier werden Pläne geschmiedet und Ausfahrten vorbereitet. Wer auf dem Weg in die Kletterhalle an dieser
Tür vorbeigeht, ahnt nichts von dem munteren Treiben dahinter.
Hier hat Frieda in großem Stil gekocht. Es duftet nach Wintergemüse und Suppe, Schüsseln mit Salaten stehen auf den Tischen. Eine JDAV Gruppe hat Frieda als Köchin für das Wochenende engagiert, und die hat reichlich eingekauft. Die hungrigen Spaltenbergerinnen und -berger profitieren – und kommen in den Genuss von Rote-Beete-Salat mit Sprossen, Kartoffelsuppe, im Ofen schmurgeln Butternut-Kürbisse, Pastinaken, Sesam-Möhren, Zwiebeln und noch einmal Rote Beete. Damit die Proteine nicht zu kurz kommen, gibt es Tempeh und Räuchertofu sowie selbstgemachten Hummus. Alle staunen, was man im Januar ohne Tomaten aus Italien oder Paprika aus Spanien auf den Tisch zaubern kann.
„Ich habe früh angefangen zu kochen“, erzählt Frieda. Und sie habe für einen Biohof auf dem Markt Obst und Gemüse verkauft. Da habe sie gelernt, dass die meisten Kundinnen und Kunden Ware schon bei kleinen Schönheitsfehlern wie Rissen und Druckstellen verschmähen, obwohl Früchte und Gemüse frisch sind. „Für den Geschmack spielt das aber keine Rolle“, sagt Frieda. „Außerdem habe ich damals
gelernt, mit größeren Mengen umzugehen, dann wird der Einkauf deutlich billiger.“ Dann habe sie 14 Tage für einen Chor in einem Selbstversorgerhaus gekocht. Da hat sie entdeckt, dass ihr das Spaß macht. „Wenn in einer 38-Zentimeter-Pfanne zwei Kilo Zwiebeln schmoren, das riecht einfach phantastisch.“ Seither kocht die studierte Soziologin für Gruppen. Angehenden Jugendleiterinnen und -leitern im
Alpenverein derartiges Wissen zu vermitteln, gehört für sie mit zum Bildungsauftrag des DAV.
An Leib und Seele gestärkt üben die Spaltenberger anschließend auf der Wiese hinter dem Sektionszentrum, wie man eine Bergkameradin aus der Gletscherspalte zieht. Am nächsten Tag geht es dann – nein, nicht auf den Gletscher sondern auf den Feldberg. Der meist aus Westen wehende Wind sorgt stets für Wechten an der Ostseite des Massivs. Hier springen die Teilnehmer des Kurses, gut gesichert
natürlich, in den Abgrund in Richtung Feldsee.
Dabei kann man böse Überraschungen erleben. Der Schreiber dieses Textes lernt zum Beispiel, dass er mit seinen knapp 70 Kilo Lebendgewicht auf dem harten Schnee den Sturz eines 90-Kilo-Manns nicht
halten kann. Als Zweier-Seilschaft wären beide nacheinander in die Spalte gestürzt – nur gut, dass Elmar eine zusätzliche Sicherung eingebaut hat.
Dass die Abläufe der Rettung zuvor in der Halle geübt wurden, zahlt sich am Feldberg aus. Erstaunlich schnell tauchen die Gesichter der „Gestürzten“ wieder am Rand der Wechte auf. Routine, das wird im
Laufe des Kurses immer klarer, ist das A & O in solchen Situationen.
Text: Jörg Buteweg, Fotos: Elmar Hollenweger
Die JDAV
Die Jugend des Deutschen Alpenvereins, kurz JDAV, ist die Jugendorganisation des Alpenvereins. Mitglied ist man automatisch bis zum Alter von 27 Jahren. Die Jugend ist im Vorstand des Bundesverbandes vertreten, ebenso im Vorstand der jeweiligen Sektion. Aktuell vertritt Jo-Ann Larisch die Jugend im Vorstand unserer Sektion. Derzeit sind in elf Jugendgruppen verschiedener Altersstufen rund 200 Jugendliche in der Sektion aktiv. Das Interesse ist groß, es gibt Wartelisten. Betreut werden die Kinder und Jugendlichen von 101 Jugendleiterinnen und -leitern. Über die zahlreichen Angebote informiert die Homepage > www.jdav-freiburg.de