Interview mit Janina Schimschar
DAV Bundesverband
Das 75-jährige Jubiläum der Wiedergründung des DAV im Oktober 2025 habt ihr zum Anlass genommen, um eine Vielfaltskampagne zu initiieren, aus der u.a. tolle Materialien hervorgegangen sind. Wie warst du da involviert?
Eigentlich ganz von Beginn an. Ich arbeite seit 12 Jahren hauptamtlich beim DAV Bundesverband in der Kommunikationsabteilung und betreue mit meinem Kollegen Jonas Kassner seit Anfang 2025 alle Themen rund um das Thema „Haltung zeigen“. Dazu gehören die Bereiche Inklusion und Integration, Ehrenamt und Verband, Gesellschafts- und Sachpolitik, Kultur und Geschichte und alles rund ums Alpine Museum. Wir bringen Themen und Ideen rund um die oben genannten Schwerpunkte bei den wöchentlichen Redaktionskonferenzen ein und arbeiten dann die einzelnen Storys so aus, dass sie über möglichst viele Kanäle ausgespielt werden können. Das Jubiläum der Wiedergründung des DAV kam näher und wir haben überlegt, wie wir das am besten kommunizieren und auf die Gegenwart und Zukunft beziehen können. Wir wollten auf keinen Fall nur geschichtliche Hintergründe liefern, sondern uns auch für
Vielfalt stark machen und auf Probleme der Gegenwart wie fehlende Toleranz für Vielfalt aufmerksam machen. Zeitgleich hatten wir den Impuls, den Sektionen etwas an die Hand geben zu wollen, was auf die Vielfalt der Gesellschaft aufmerksam macht und alle Mitglieder in ihrer Diversität willkommen heißt. Auch, damit die Sektionen auf Hütten, in Geschäftsstellen und Kletterhallen den Mitgliedern und allen anderen da draußen zeigen können, dass wir bunt sind. Wir hatten dann die Idee, den Anlass des Jubiläums der Wiedergründung mit dem Vielfalts-Thema zu verbinden und haben daraus eine kleine Kommunikationskampagne entwickelt. Es gab einen langen Online-Artikel auf alpenverein.de, den ich verfasst habe; Melanie Grimm hat auf der Hauptversammlung eine Rede gehalten und das Material vorgestellt; wir haben die Sektionen informiert und in der Pressemitteilung zur HV hat das Thema auch
seinen Platz gefunden.
Wie seid ihr vorgegangen?
Für den Text und die historischen Hintergründe habe ich Unterstützung aus dem Alpinen Museum/Archiv von Stefan Ritter und Max Wagner bekommen. Das Material haben wir in einer Kleingruppe erarbeitet, die sich regelmäßig getroffen hat, vom ersten Brainstorming bis zur Freigabe der Druckdateien.
Wie werden die Materialien von den Sektionen und Hütten angenommen?
Bei der DAV Hauptversammlung Ende 2025 wurden laut meiner Kollegin schon nahezu alle Buttons verteilt und angesteckt. Ansonsten können wir zum aktuellen Zeitpunkt leider noch nicht mehr sagen.
Gab es in irgendeiner Form Gegenwind oder Kritik?
An mich persönlich wurde bisher nichts herangetragen.
Wie kamt ihr zu den Motiven?
Die Wahl der Motive war nicht leicht. Wir haben in unserer Bilddatenbank gestöbert und hatten sehr viele Ideen und Fotos zur Auswahl. Es mussten auch viele Aspekte berücksichtigt werden, vor allem bei diesem sensiblen Thema. Gleichzeitig wollten wir nicht zu plakativ sein. Daher sind wir etwas allgemein geblieben. Für die Zukunft haben wir vor, die Motive kontinuierlich zu erweitern und dann auch andere Aspekte über die Bilder einfließen zu lassen, z. B. Menschen mit Beeinträchtigung, mehr Altersmischung oder interkulturelle Motive.
Welche Vielfaltsprojekte wurden vom Bundesverband initiiert und unterstützt?
Das Projekt A.L.M. richtet sich sowohl an Geflüchtete als auch an Menschen mit Behinderungen. Außerdem hat der DAV mittlerweile schon einige inklusive Expeditionen gefördert wie eine inklusive Transalp, eine inklusive Balkan-Wanderung und eine inklusive Expedition nach Peru im letzten Jahr. Zudem bietet die JDAV sehr viel rund um das Thema Inklusion und Vielfalt wie die No-Limits-Kurse oder Queerfeldein an.
Mit welchen Herausforderungen hast du zu tun?
Meine größte Herausforderung ist das Zeitmanagement, weil ich nur eine 50 %-Stelle habe und durch mein Kind mit besonderen Bedürfnissen zeitlich limitiert bin. Mir liegen die Themen Haltung und Vielfalt sehr am Herzen, oft wünschte ich mir, mehr Zeit dafür zu haben.
Was motiviert dich?
Für eine gute Sache zu kämpfen und zu wissen, wie dringend das Thema mehr Sichtbarkeit in der Gesellschaft braucht. Denn wir sind noch ganz weit weg davon, die Diversität, die es gibt, zu sehen und wirklich in einer Gesellschaft der Vielfalt zu leben. Da draußen gibt es doch immer noch ganz oft nur die „Normalen“. Alle anderen werden häufig noch angestarrt oder können vielleicht gar nicht selbst vor die Türe gehen und spielen im gesellschaftlichen Leben damit keine Rolle. Man sieht das schon an so einfachen Dingen wie Barrierefreiheit, die viel zu schlecht ausgebaut ist. Mir ist das aufgefallen, als ich mit Kinderwagen in einer Großstadt wie Berlin unterwegs war. Und dabei bin ich selbst nicht eingeschränkt und musste „nur“ den Wagen tragen. Nicht auszudenken, wie schlimm das für die Menschen sein muss, die auf eine barrierefreie Infrastruktur angewiesen sind. Solange es diese nicht flächendeckend
gibt, muss man ganz klar von Exklusion sprechen.
Was würdest du den Sektionen empfehlen, wie sie mehr Vielfalt verankern und leben können?
Ich denke, das beginnt alles im Kopf und mit geteilten Erlebnissen. Darum ist es so wichtig, das Thema aktiv mitzudenken und bei jeglichen Vorhaben an alle Menschen zu denken. Auch an jene, die unsichtbare Beeinträchtigungen haben, denn wie wir wissen: „Not all disabilities are visible“. Da spielen nicht nur barrierefreie Toiletten beim Neubau eine Rolle, sondern Angebote, die wirklich allen ermöglichen, dabei zu sein. Damit lassen sich Erlebnisse schaffen, die alle Menschen inkludieren und die Herzen öffnen. So wird letztlich auch ein realistischeres Bild der Gesellschaft in der Realität abgebildet. Davon profitieren alle und es wäre so schön, wenn das „Normal“ damit an Bedeutung verliert. Und damit am besten schon von klein auf bei der Kinder- und Jugendarbeit anfangen!
Gibt es Sektionen, die in diesem Thema Vorreiter sind?
Die Sektion Stützpunkt Inntal hat sich das Thema Inklusion auf die Fahne geschrieben. Sie wollen wertvolle Freizeitbeschäftigungen anbieten, in der gleichberechtigte Teilhabe selbstverständlich ist. Ganz oben auf der Liste steht die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Vielfältige Begegnungen zwischen den unterschiedlichen Persönlichkeiten, egal ob mit oder ohne Behinderung, unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft sind die Leidenschaft dieser Sektion.
Ihr selbst steht ja auch ziemlich divers da, was ich so mitbekommen habe. Das freut mich sehr und ich würde euer Engagement sehr gerne beim diesjährigen Kommunikationsgipfel im November als Best Case auf die Bühne bringen. Vielleicht habt ihr ja Lust, dabei zu sein!
Helia Schneider