Vom Krabbelkletterer zum Vizejugendweltmeister
Interview Emil Zimmermann
Emil Zimmermann, mittlerweile 21 Jahre alt und von Freiburg nach Köln gezogen, wurde bereits im bergwärts-Heft im Jahr 2021 von Nico Storz porträtiert. Er berichtete damals, dass er bereits im Krabbelalter von seinen Eltern mit in die DAV-Kletterhalle gebracht wurde und als Sechsjähriger richtig mit dem Klettern anfing. Er erzählte auch, dass sein Traum sei, eine 8c im Sportklettern anzugehen.
Ist dir das mittlerweile gelungen?
Nein, ich war nicht mehr wirklich im Sportklettern aktiv, sondern mehr am Bouldern.
Du hast 2018 beim Deutschland-Cup im Lead (Vorstiegs- Klettern) den zweiten Platz gemacht und bist daraufhin in den Nationalkader geholt worden. Dann folgte 2019 beim Deutschland-Cup der erste Platz und beim European Youth Cup der zweite. Wie ging Deine Wettkampfkariere danach weiter?
Ein, zwei Jahre war ich noch im Seilklettern aktiv, bin dann aber zum Bouldern gewechselt. 2021 wurde ich Vizejugendweltmeister und zweimal Erster im Jugendeuropacup. Das waren meine besten Erfolge bei den Jugendwettkämpfen. Seit fast drei Jahren bin ich in den Erwachsenenwettkämpfen aktiv und da waren meine größten Erfolge der 3. Platz bei der deutschen Meisterschaft vor drei Jahren und der 4. Platz beim Europacup. Letztes Jahr habe ich meinen ersten Worldcup bestritten.
Uuml;ber welchen Erfolg freust du dich am meisten und warum?
Wettkampfmäßig war der Vizejugendweltmeister mein größter Erfolg. Weltweit waren Athlet*innen vertreten und da so weit vorne mitzuspielen, hat mich überrascht, das war wirklich eine große Bühne. Schon im Finale zu sein, war toll – und dann habe ich meine Erwartungen so übertroffen und bin Zweiter geworden, darauf bin ich richtig stolz!
Was fordert dich im Training heraus, bei was kommst du an deine Grenzen?
Alles, was mit Kraftausdauer und langen Belastungszeiten zu tun hat. Das finde ich manchmal nervig. Da trainiere ich viel mit 10-12-Zug-Bouldern die ich mir an der Definierwand ausdenke. Wie sieht ein typischer Tag von dir aus?
Mein Alltag läuft sehr dynamisch ab, da ist wenig Routine. Aber ich mag es, flexibel zu sein und meine Freiheiten zu haben. Ich bin gernemal hier und da und an verschiedenen Orten. Ich mache viel mit Freunden und mittlerweile schraube ich auch seit sechs Monaten selbst Boulder. Außerdem mache ich seit drei Jahren ein Online-Studium in Audio-Engineering/Tontechnik und Musikproduktion. Je nach Phase trainiere ich aber auch bis zu fünf Tage die Woche. In der Aufbauphase auch ab und zu zweimal am Tag. Jetzt im Frühling, wo die Wettkämpfe anfangen, ist es aber eher weniger.
Wie bereitest du dich mental die paar Minuten vor dem Wettkampf vor, welche Strategien hast du?
Zur mentalen Vorbereitung gehört auch eine Grundeinstellung, die ich mir im Laufe der Jahre erarbeitet habe. Dazu gehört zum Beispiel, an sich glauben zu können und dass ich am Wettkampftag auch richtig Lust auf Bouldern habe. Manchmal bin ich im Übertraining oder merke, dass sich mein ganzes Leben gerade nur ums Bouldern dreht. Das versuche ich kurz vor dem Wettkampf zu vermeiden, um einfach Spaß haben zu können. Ein paar kleine Rituale habe ich aber: Bei zwei Minuten vor Start ziehe ich den rechten Schuh an, bei Minute 01:40 den linken, bei einer Minute vor Start stehe ich auf. Und von Druck versuche ich mich immer zu lösen.
Was sind deine nächsten Ziele in Sachen Bouldern?
Ende April starte ich bei einem Europacup und je nachdem, wie ich abschneide, starte ich anschließend auch bei einem Worldcup. Das Ziel ist also, mich zu qualifizieren. Und ich möchte ein bisschen raus an den Felsen kommen und da eine gute Zeit haben.
Wenn du an deine Zeit in der Wettkampfgruppe des DAV Freiburg zurückdenkst, wie hat sie dich geprägt?
Die Zeit war für mich insofern prägend, als dass sie mir beigebracht hat, Spaß am Klettern zu haben. Die Gruppendynamik war super, wir waren alle gut befreundet, sowohl die Athlet*innen, als auch die Trainer*innen und wir treffen uns heute noch, wenn wir alle in Freiburg sind. Ich hatte immer Lust auf das Training und auf die anderen, die Stimmung war immer gut.
Was denkst du, wie lange du bouldertechnisch noch auf diesem Niveau unterwegs sein kannst?
In den letzten paar Jahren habe ich beobachtet, dass das Durchschnittsniveau gestiegen ist und ich immer mehr tun muss, um auf diesem Niveau mithalten zu können. Ich bin mir noch nicht sicher, wie lange ich motiviert bin, so viel da reinzustecken. Mein Prinzip ist: Ich will so viel trainieren, wie ich Lust habe und es mir Spaß macht und dann schaue ich, wie weit ich damit komme. Im Moment reicht das, um mich für einen Europa- oder Worldcup zu qualifizieren, aber ich kann schwer einschätzen, wie lange sich das halten wird.
Ein Leben ohne Bouldern wäre für dich wie …
Mit Sicherheit sehr anders als mein jetziges. Bestimmt auch nicht zwingend schlecht. Es gibt genug andere Sachen, die ich auch machen könnte.
Helia Schneider